Rückfahrt
Ich hatte mir ja vorgenommen, heute gemütlich im Zug ein paar Einträge zu verfassen. All das mal aufzuschreiben was mir in den letzten Wochen so durch den Kopf gegangen ist. Aber erstmal etwas aktuelles:
In Rosenheim setzt sich eine offensichtlich reichlich nervöse Frau mit ihrem 11-jährigen Sohn mir gegenüber. Ihr Deutsch ist nicht ganz einwandfrei, sie will wissen, ob der Zug über Freising fährt. Im Reiseplan ist davon nichts zu lesen … klar, soll sie doch auch in M-Ost umsteigen, so steht es in ihrem Reiseplan. Sie waren Verwandte besuchen und fahren nun nach Hause. Warum erzähle ich das? Nun, sie kommt aus Bosnien, aus Zvornik, das liegt in der Nähe von Tuzla und war eine der belagerten Städte zusammen mit Srebrenica, Sarajevo, Gorazde und noch anderen. Wobei ich das nochmal überprüfen müsste.
Jedenfalls lebt sie seit dem Krieg, in dem auch ihr Mann umgekommen ist, in München. Ich sage diesmal nichts, was über ein ‘ist ist alles ganz schön kompliziert’ hinausgeht. Auch in Banja Luka ist es oft nicht leicht über Krieg und Politik zu diskutieren. Wieviel darf ich mir als Ausländer herausnehmen zu wissen, besser zu wissen? Ich löse das Problem meist indem ich meine Argumente als Frage präsentiere, also recht abgeschwächt.
Wie fast alle fand sie es spannend dass da jemand aus D nach BiH geht. Sie erzählt wie kaputt alles ist, vielleicht ist es in 20 Jahren wieder wie vorher. Nichts funktioniert, Chaos überall, die Politiker sind unfähig und korrupt, das habe ich während der 2 Monate von fast jedem gehört. Wenige wollen bleiben, die meisten würden ihr Land bei der nächsten Gelegenheit verlassen. Sicher ist: der Krieg hat sie sehr mitgenommen, bis heute. Ihr Sohn ist ganz lieb, hilft immer wenn sie Wörter nicht weiß. Ganz fasziniert ist er als ich meine Bosnienkarte, praktischerweise noch im Rucksack von gestern, hervorhole. Ich habe den Eindruck er hat ’sein’ Land noch nie auf einer Landkarte gesehen?
Während der ganzen halben Stunde die wir zusammen im Zug sitzen versuche ich die Politik auszulassen, dürfte sie doch im Krieg den Serben gegenüber gestanden haben. Dennoch sagt natürlich schon der Banja Luka etwas aus. Auch die Landkarte ist serbisch: Es sind alten Klöster und kyrillische Erläuterungen dazu eingefügt worden. Ansonsten ist das die ‘Standard-Touri-Karte’ und sogar recht brauchbar. Ich hätte sie gerne behalten, habe sie dann aber dem Sohn (Name vergessen) geschenkt. Er hat sicher mehr davon.
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